Die Untertage-Verlagerung „Nanny“ – Ein historisches Bergbauerbe im Herzen Plauens
Historische EinführungIm Schatten des Zweiten Weltkrieges entstand in Plauen ein bemerkenswertes Beispiel für die strategische Nutzung unterirdischer Räume: die Untertage-Verlagerung mit dem Decknamen „Nanny“. Diese historisch bedeutsame Anlage ist ein wichtiges Kapitel der Bergbaugeschichte des Vogtlandes und zeigt die Verbindung zwischen ziviler Infrastruktur, Bergbautechnik und Kriegswirtschaft.
Die Felsenkeller der Actien-Brauerei
Die Geschichte der Untertage-Verlagerung „Nanny“ beginnt mit der Gründung der Actien-Brauerei zu Plauen. Am 23. Oktober 1857 schlossen sich etwa 200 Hausbrauer mit Braugerechtigkeit zusammen, um den Actien-Brauverein zu gründen. Nach der Grundsteinlegung am 1. Juli 1858 wurde im Oktober 1859 der erste Sud gebraut. Die Brauerei nutzte für die Lagerung ihres Bieres natürliche Felsenkeller, die in den Hang des Syratals getrieben wurden.Diese Felsenkeller waren aufgrund ihrer konstant kühlen Temperatur ideal für die Bierlagerung und verfügten über drei Zugänge: zwei Stollenmundlöcher im Steilhang des Brauereigeländes und einen weiteren Zugang im Inneren der Brauerei. Das Stollensystem bestand aus mehreren Tonnengewölben mit einer soliden Überdeckung von bis zu 30 Metern Fels.
Umfunktionierung für die Kriegsproduktion
Als die alliierten Luftangriffe auf deutsche Industriezentren im Zweiten Weltkrieg zunahmen, begann das Dritte Reich mit der systematischen Verlagerung wichtiger Produktionsstätten in bombensichere unterirdische Anlagen. In Plauen wurde dafür der bereits bestehende Felsenkeller der Actien-Brauerei ausgewählt.Die Umrüstung der Anlage für die Kriegsproduktion begann im Juni 1944. Der vorhandene Eiskeller wurde durch die Organisation Todt (OT) um etwa 130 Meter Stollenstrecke erweitert, um eine optimale und ausreichende Produktionsfläche zu schaffen. Die Bauarbeiten wurden von der OT-Einsatzgruppe IVa (Sachsen) unter der Baunummer 182 durchgeführt. Das Reichsministerium für Rüstung und Kriegswirtschaft vergab die Konstruktionsnummer 6.021 für diese Untertage-Verlagerung.
Bergmännische Ausbauten und technische Infrastruktur
Die Arbeiter der Organisation Todt führten umfangreiche bergmännische Arbeiten durch, um die Stollen für die industrielle Produktion nutzbar zu machen:- Die Stollensohle wurde mit einer Betonschicht versehen, um eine stabile Grundlage für die präzisen Maschinen zu schaffen- Eine verbesserte Wetterhaltung (Belüftungssystem) wurde installiert- Ein Gleissystem wurde im Stollen verlegt, um den Transport zwischen der Verladeanlage im Brauereigelände und der unterirdischen Fabrik zu ermöglichen- Ein zusätzlicher Wetterschacht wurde als Notausgang durch das 30 Meter starke Deckgebirge aufgefahren- Mehrere Maschinenfundamente wurden aus Beton gegossen- Ein unterirdisches Werksbüro und Lager wurden aus Mauerwerk in die Stollen eingebautDie bergmännischen Arbeiten erfolgten in zwei Bauabschnitten. Der erste Abschnitt betraf die Umrüstung des vorhandenen Stollensystems, während im zweiten Bauabschnitt zwischen Juli und November 1944 die Erweiterung des Stollensystems vorgenommen wurde. Die Stollenerweiterung musste ohne Ausbauten und Stützmauern auskommen und wurde ab Dezember 1944 als untertägige Produktions- und Lagerfläche genutzt.
Industrielle Produktion unter Tage
Ab Mitte Juli 1944 begann in der Untertage-Verlagerung „Nanny“ die Produktion von Panzerteilen für die Vogtländische Maschinenfabrik AG (VOMAG), einem bedeutenden Rüstungsbetrieb in Plauen. Die VOMAG stellte im Stammwerk verschiedene Panzertypen her, darunter den Panzerkampfwagen IV und den Jagdpanzer IV.In der U-Verlagerung „Nanny“ wurden hauptsächlich Präzisions-Kleinteile für die Panzerproduktion gefertigt, darunter:- Zahnräder für Getriebe- Kugellager und deren Komponenten- Wellen für Motoren- Abdeckungen verschiedener Bauteile- Komponenten für PlanetengetriebeFür diese anspruchsvolle Präzisionsarbeit waren in der Untertage-Verlagerung etwa 150 Spezialmaschinen installiert, darunter:- Verschiedene Drehbänke und Revolverdrehbänke- Vertikal- und Horizontalfräsmaschinen- Zahnradstoßmaschinen und Zahnflankenschleifmaschinen- Bohrmaschinen und Feinstbohrwerke- Diverse Schleifmaschinen für unterschiedliche AnwendungenDie hohe Präzision der hergestellten Teile erforderte qualifiziertes Personal. Daher wurden in der U-Verlagerung „Nanny“ hauptsächlich Facharbeiter aus dem Stammwerk der VOMAG eingesetzt, die mit den komplexen Maschinen vertraut waren. Zwangsarbeiter wurden hingegen vorwiegend für die Erweiterungsarbeiten im zweiten Bauabschnitt eingesetzt.
Bedeutung im Kriegsverlauf
Die Untertage-Verlagerung „Nanny“ spielte eine wichtige strategische Rolle für die Aufrechterhaltung der deutschen Rüstungsproduktion in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Während das Hauptwerk der VOMAG in Plauen durch alliierte Luftangriffe, insbesondere beim schweren Bombenangriff am 26. März 1945, weitgehend zerstört wurde, konnte die Produktion in der bombensicheren Untertage-Verlagerung bis Kriegsende nahezu ungestört fortgeführt werden.Bemerkenswert ist, dass die Anlage den alliierten Aufklärungsdiensten bis Kriegsende nicht bekannt war. Die etwa 30 Meter starke Gesteinsschicht über dem Stollensystem bot effektiven Schutz gegen Bombentreffer. Während die oberirdischen Gebäude der Brauerei bei Luftangriffen schwer beschädigt wurden, kam es in der unterirdischen Produktionsstätte lediglich zu gelegentlichen Stromausfällen.Neben ihrer Funktion als Produktionsstätte diente die Anlage auch als Werkluftschutzstollen für die Arbeiter der Brauerei während der Luftangriffe auf Plauen. In den Räumen zwischen den Maschinen wurden bei Luftalarm Bretter ausgelegt, auf denen Kinder und Babys während der Angriffe untergebracht werden konnten.
Die Nachkriegszeit
Nach Kriegsende im Mai 1945 wurden die in der Untertage-Verlagerung befindlichen Maschinen (etwa 150 Stück) im Rahmen der Reparationsleistungen demontiert und abtransportiert. Die Brauerei selbst wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut und später in „Sternquell-Brauerei“ umbenannt.Die Stollen selbst wurden in der Nachkriegszeit nur noch vereinzelt genutzt. Von den ursprünglichen drei Zugängen ist heute einer vermauert und der zweite mit einem Gitter verschlossen. Der einzige noch zugängliche Eingang befindet sich im Inneren der heutigen Sternquell-Brauerei.
Die Anlage heute – Ein bergbauliches Zeugnis
Das Stollensystem der ehemaligen Untertage-Verlagerung „Nanny“ ist bis heute weitgehend erhalten und stellt ein bedeutendes montanhistorisches Denkmal dar. Obwohl die Anlage aktuell nicht regelmäßig für die Öffentlichkeit zugänglich ist, sind noch zahlreiche Relikte der früheren Nutzung zu finden:- Die ursprüngliche Gleisanlage ist noch teilweise vorhanden- Maschinenfundamente aus Beton zeugen von den Standorten der Präzisionsmaschinen- An einigen Stellen sind noch Reste der Original-Beleuchtung zu finden- Die betonierten Stollensohlen sind gut erhalten- Halterungen für elektrische Leitungen und Druckluftleitungen- An den Felswänden finden sich eingeritzte Inschriften, oft mit der Jahreszahl 1944- Der Wetterschacht, der als Notausgang diente, ist erhalten, wobei die ursprüngliche Holzleiter durch eine Stahlleiter ersetzt wurdeInsgesamt umfasst das Stollensystem auf einer Ebene etwa 1.600 m² Nutzfläche und besteht aus zwei Längs- sowie vier Querstollen. Besonders der dritte Querstollen wurde intensiv für die Kriegsproduktion genutzt. Die im Jahr 1944 neu aufgefahrenen Stollenbereiche sind noch heute im ursprünglichen Rohausbau ohne Ausmauerung zu sehen.
Bergbautechnische Besonderheiten
Aus Sicht des Bergbaus ist die Untertage-Verlagerung „Nanny“ ein interessantes Beispiel für die Umnutzung und Erweiterung vorhandener unterirdischer Hohlräume für industrielle Zwecke.
Die Anlage vereint verschiedene bergbautechnische Elemente:
1. **Ursprüngliche Felsenkeller**:
Sorgfältig ausgemauerte Gewölbestollen, die für die Bierlagerung konzipiert wurden
2. **Erweiterte Rohbaustollen**:
Während des Krieges schnell aufgefahrene Stollenstrecken ohne Ausmauerung, die den Produktions- und Lagerraum erweiterten
3. **Industrielle Infrastruktur**:
Die Integration moderner technischer Elemente wie Belüftungssysteme, Stromversorgung und Transportsysteme in historische Bergbaustrukturen
4. **Wetterhaltung**:
Ein durchdachtes Belüftungssystem mit eigenem Wetterschacht zur Gewährleistung ausreichender Frischluft für die Arbeiter und Maschinen unter Tage
Bedeutung für den Vogtländischen Bergknappenverein
Für den Vogtländischen Bergknappenverein zu Plauen e.V. stellt die Untertage-Verlagerung „Nanny“ ein wichtiges lokales Zeugnis der Bergbaugeschichte dar, das die Verbindung zwischen traditionellem Bergbau und industrieller Nutzung unterirdischer Räume veranschaulicht. Die Anlage zeigt exemplarisch, wie bergmännisches Wissen und Techniken auch außerhalb des klassischen Erzbergbaus Anwendung fanden.Als Bewahrer der bergmännischen Tradition im Vogtland liegt es im Interesse des Vereins, dieses besondere Stück lokaler Geschichte zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Untertage-Verlagerung „Nanny“ veranschaulicht die vielseitige Verwendung bergmännischen Know-hows und die Anpassungsfähigkeit unterirdischer Anlagen an verschiedene Nutzungsformen im Laufe der Geschichte.Der Verein setzt sich für den Erhalt dieses industriekulturellen Erbes ein und möchte durch Dokumentation, Forschung und gelegentliche Führungen dazu beitragen, dass dieses Kapitel der Bergbau- und Industriegeschichte des Vogtlandes nicht in Vergessenheit gerät.
Quellen:
1. Naumann: „Plauen im Bombenkrieg 1944/1945“, PG-Verlag, Plauen OT Kauschwitz 2011
2. Laser, Mensdorf, Richter: „1944/1945 Plauen – Eine Stadt wird zerstört“, Vogtländischer Heimatverlag Neupert, Plauen 1995
3. Starke: „Vom Bürgerbräu zum Premium Pils – 150 Jahre Sternquell-Brauerei Plauen“, Plauen 2007
4. Wichert: „Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des zweiten Weltkrieges“, Verlag Schulte, Marsberg
